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Warum Stiftungen im Bildungsbereich noch enger zusammenarbeiten müssen

 

Von Michael Fritz – Silke Lohmiller – Jörg F. Maas

 

Die Zahlen waren bereits vor Corona alarmierend. Bildungsstudien wie IGLU und PISA zeigen in regelmäßigen Abständen dasselbe Ergebnis: der Anteil leistungsschwacher Schüler bleibt in Deutschland nahezu konstant auf einem im internationalen Vergleich mittelmäßigen Niveau – sowohl in Mathematik als auch in den Naturwissenschaften und auch bei der Lesekompetenz.

Die Herkunftsfamilie als wichtiger Bildungsfaktor

Auffällig bei diesen Studien ist, dass gute Ergebnisse bei den Bildungstests stark an die soziale Herkunft geknüpft sind. Kinder aus sozial schwachen Familien und mit geringen Bildungsambitionen schneiden deutlich schlechter ab. Tina Groll in DIE ZEIT schlussfolgert somit richtig, dass, "die negativen Auswirkungen von sozioökonomischer Benachteiligung auf die Bildungs- und langfristig auch Aufstiegschancen von jungen Menschen (…) zwar in vielen Ländern stark, in Deutschland aber besonders ausgeprägt" sind.‘

Wollen wir die Kernkompetenzen von Schülerinnen und Schülern in Deutschland langfristig und nachhaltig verbessern – also Lese- und Sprachkompetenz, Mathematik und naturwissenschaftliches Lernen – und damit ihre Bildungschancen unabhängig von ihrem Elternhaus erhöhen, dann sind verstärkte und vor allem gemeinsame Anstrengungen der relevanten Akteure erforderlich. Es bedarf nicht nur der Stärkung der Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch der Einbindung der Eltern. Außerdem werden Materialien benötigt, die die Kinder und Jugendlichen zunächst einmal für die Themen begeistern und die nicht primär Schulbuchcharakter haben, denn: Interesse und Freude an Alltagsphänomenen und spannende Geschichten sind die besten Motivatoren für das Lernen.

Eine gemeinsame Inititative der Stiftungen

Die drei Partner – die Dieter Schwarz Stiftung, die Stiftung Haus der kleinen Forscher und die Stiftung Lesen – waren sich angesichts dieses Ergebnisses schnell einig, dass sie handeln wollen. Zwei weitere Fragen trieben die Stiftungsmitglieder an:

  • Warum müssen sich Bildungseinrichtungen wie Kitas und Schulen entscheiden, ob sie MINT- oder Leseförderung als didaktischen Schwerpunkt wählen?
  • Und: Warum bringen wir nicht komplementäre Stiftungs- und Projekterfahrungen ein, um ein bundesweit angelegtes Vorhaben zu gestalten, das es in dieser Form noch nicht gibt?

Die Dieter Schwarz Stiftung fungierte in diesem Projekt als Initiator und brachte die Stiftung Haus der kleinen Forscher mit der Stiftung Lesen zusammen. Bildung, Wissenschaft und Innovation sind die Säulen, auf denen die Dieter Schwarz Stiftung ihre Einrichtungen und Projekte aufbaut, um lebenslanges Lernen zu fördern. Die Aufgabe der Stiftung ist es, Potenziale zu erkennen, daraus Visionen zu entwickeln und diese nachhaltig umzusetzen. HIerzu wird auch die Zusammenarbeit mit professionellen Partnern weiter verstärkt: Das strategische Ziel der Dieter Schwarz Stiftung war es, gemeinsam eine höhere Schlagkraft zu erreichen und Lehrkräfte mit hochwertigen Inhalten zu versorgen, die diese zügig und sofort sowohl in Präsenz- wie auch Onlineunterricht einsetzen können. Und natürlich die Bildungskompetenzen von Kindern zu fördern, die durch moderne sowie anspruchsvolle Angebote in ihrer Kompetenzentwicklung unterstützt werden.

Neues Kindermagazin zur Förderung der Bildung

Die gemeinsame Initiative der drei Stiftungen hat das Ziel, MINT und Lesen im Grundschulunterricht zu verknüpfen. Lehrerinnen und Lehrer von dritten und vierten Klassen werden dazu mit einem fächerübergreifenden Bildungsangebot unterstützt. Das eigens entwickelte Kindermagazin „echt jetzt?“ regt zum Lesen spannender Artikel aus der MINT-Welt sowie zum forschenden Entdecken von Phänomenen aus Natur und Technik an („echtjetzt?“ als E-Paper). Zweimal im Schuljahr erhält jedes Kind ein neues Magazin von seiner Lehrerin oder seinem Lehrer. Hinweise zum Einsatz des Magazins, praktische Übungen und Methoden, um forschendes Lernen und Lesen zu fördern, und begleitende Arbeitsmaterialien erhalten Lehrkräfte jeweils in einem heftbegleitenden Online-Angebot. Erste Befragungen von Teilnehmenden zeigen, dass die Kombination von gedrucktem Kindermagazin und digitalen Fortbildungen für Lehrkräfte der medientechnischen Ausstattung vieler Grundschulen gerecht wird und auch in Zeiten von Homeschooling und Fernunterricht ein willkommenes Material- und Informationsangebot darstellt.

MINT-Akzeptanz ist noch steigerbar

MINT ist in der Grundschule wichtig - aber bei weitem noch nicht attraktiv genug: Nach den Ergebnissen der letzten PISA Studie (2018) liegen die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler in Mathematik und Naturwissenschaft über dem OECD Durchschnitt. Dennoch gibt es nach wie vor Verbesserungsbedarf: Mehr als ein Fünftel der Jugendlichen verfügt nur über geringe Kenntnisse in Mathematik; eine der beiden höchsten Kompetenzstufen erreichen in Deutschland nur 13 % der Getesteten. In den Naturwissenschaften sind die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren vergleichsweise stark abgefallen – 20 % scheitern an den Mindestanforderungen. MINT-Fächer sind außerdem nicht attraktiv – die Freude an den MINT-Fächern und die Überzeugung, naturwissenschaftliche Fragestellungen lösen zu können, schätzen deutsche Kinder und Jugendliche deutlich geringer ein als der OECD Durchschnitt. Es bleibt also herausfordernd, junge Menschen für MINT in Schule und Beruf zu interessieren. Folglich ist auch der Fachkräftemangel in den entsprechenden Berufen nach wie vor sehr hoch.

Forschendes Lernen im Unterricht fördern

Gute frühe Bildung MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung ist die Basis für eine erfolgreiche Bildungsbiografie und der Schlüssel, um den Herausforderungen unserer komplexen Welt erfolgreich begegnen zu können. Kinder brauchen, auch im Unterricht, die Chance, ihren eigenen Fragen nachzugehen und forschend die Welt zu entdecken. Die Auseinandersetzung mit technischen und naturwissenschaftlichen Alltagsphänomenen fördert Neugier, Lern- und Denkfreude der Mädchen und Jungen. Kinder, die entdecken und forschen, formulieren Fragen und erschließen sich dadurch Zusammenhänge selbstständig oder im Austausch mit anderen – das fördert auch die Sprachbildung.

Die Qualifikation des pädagogischen Personals spielt eine zentrale Rolle, um Bildungsqualität im MINT-Bereich in den Schulen zu sichern. In Deutschland ist der Bedarf an qualitätsgesicherten und wirksamen Fortbildungen für Lehrkräfte nach wie vor hoch, ebenso wie die Motivation der Lehrkräfte, diese in Anspruch zu nehmen. Die Bereitschaft, auch digitale Fortbildungsformate zu nutzen, ist in den letzten Jahren messbar gestiegen. Die COVID-19-Pandemie treibt die Digitalisierung im Bildungsbereich zusätzlich voran. Digitale Bildungsangebote begünstigen eine professionelle und kontinuierliche Entwicklungsbegleitung, die sich an den individuellen Interessen und Bedürfnissen der Lernenden orientiert. Alle pädagogischen Fach- und Lehrkräfte sollten daher die Möglichkeit haben, sich auch mittels digitaler Medien weiterzubilden.

Sprach- und Leseförderung: auch und gerade im MINT Unterricht

Ebenso wie das Leistungsvermögen in den Naturwissenschaften stagniert auch die Leseleistung von Grunschulkindern: Jedes fünfte Kind kann beim Übergang in die weiterführende Schule nicht ausreichend lesen. Deutschland ist bei der Internationalen Grundschule-Leseuntersuchung (IGLU) wegen der ausbleibenden Leistungsfortschritte aus dem oberen Drittel der weltweiten Rangliste ins untere Mittelfeld abgerutscht. Die Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus günstigen und ungünstigen sozialen Lagen betrugen schon vor Corona und dem damit einhergehenden Ausfall von Präsenzunterricht über ein Lernjahr. Hinzu kommt, dass 17 % aller Grundschülerinnen und Grundschüler außerhalb der Schule kaum oder gar nicht lesen. Das Problem mangelnder Lesekompetenz wird durch Homeschooling in Zeiten von Corona also drastisch verschärft, ungleiche Bildungschancen werden weiter zementiert.

Doch auch ohne Corona steht die schulische Leseförderung vor großen Herausforderungen: Trotz der großen Bedeutung der Schriftsprache in allen Unterrichtsfächern nehmen viele Lehrkräfte Defizite ihrer Schülerinnen und Schüler im Umgang mit Texten als mehr oder weniger gegeben hin. Ein Verständnis von Lesekompetenz, die nicht nur als Voraussetzung („read to learn“), sondern auch als Ziel („learn to read“) eines gelingenden Unterrichts gesehen wird, bleibt dabei bislang meist auf den Deutschunterricht beschränkt. In der Praxis fühlen sich Fachlehrerinnen und Fachlehrer oft nicht ausreichend vorbereitet, sprachsensibel zu unterrichten. So können Kinder inhaltliche und sprachliche Kompetenzen im Fachunterricht nicht ausbauen und Potenziale bleiben ungenutzt.

Individuelle Förderung wird immer wichtiger

Angesichts zunehmend heterogener Klassen wird die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern immer wichtiger. Lehrkräfte benötigen dabei mehr Unterstützung. Konkret: praxistaugliche und im Anforderungsniveau differenzierte Angebote, die Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung von Lesekompetenz und Lesefreude begleiten. Schulische Angebote zur Leseförderung bedürfen dabei einer breiten Palette an Medien und Herangehensweisen, um allen Kindern Freude am Lesen zu vermitteln. Insbesondere niedrigschwellige und motivierende Formate wie Zeitschriften haben sich dabei bewährt, auch leseferne Kinder zu erreichen.

Und genau hier setzt das gemeinsame Projekt der drei Stiftungen an, indem bislang unterschiedliche Förderbereiche gemeinsam entwickelt und attraktiv gestaltet werden mit Angeboten, die gleichermaßen Lehrende wie Schüler innerhalb und außerhalb des Unterrichts erreichen. Wollen wir den Bildungsstandort Deutschland verbessern braucht es attraktive und gut nutzbare Materialien, die den schulischen Unterricht ergänzen und mit neuen Impulsen versehen. Vor allem aber brauchen wir unter den Bildungsstiftungen in Deutschland die Vision und Offenheit, gemeinsam Neues zu entwickeln. Zusammenarbeit ist der Schlüssel für Bildungserfolge.

 

Erschienen in Stiftung&Sponsoring 02.21

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(v.l.n.r.) Baubürgermeister Wilfried Hajek. Robert Rathke, Geschäftsführer Schwarz Campus Service, Josef Klug, Schwarz Dienstleistung, Silke Lohmiller, Geschäftsführerin Dieter Schwarz Stiftung, Projektleiterin Nina Tucman (bra/Foto: Brand)

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